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Am 07.Febuar fand das nun insgesamt fünfte von Leadership Berlin initiierte Austauschformat zum Thema Islam & Homosexualität statt. Diesmal waren wir zu Gast beim Interkulturellem Zentrum für Dialog und Bildung e.V. (IZDB) im Wedding. Man könnte sagen „Runde 5“ – aber das weckt vielleicht falsche Assoziationen, denn wir erlebten ein durchaus unaufgeregtes & friedliches Gespräch zwischen den Vertreter*innen der beiden Communities, auch wenn es inhaltlich nicht an Brisanz fehlte. Trotzdem, es war eher ein Abtasten zwischen zwei Minderheiten, die daran interessiert waren, gemeinsam in Dialog zu treten und Schritt für Schritt mehr Verständnis füreinander zu gewinnen.

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Die knapp 35 Anwesenden fanden sich zunächst an drei langen Tafeln zusammen, um durch Vertreter*innen des IZDB begrüßt zu werden: „Wir haben nicht nur einen Gebetsraum, sondern wir sind eine Moschee: nämlich ein Ort, wo Menschen sich auch treffen, Kaffee trinken, gemeinsamen Aktivitäten nachgehen und feiern.“ Ganz in diesem Sinne würde man Wert auf Vielfalt (z.B. jeweils mindestens 30% Partizipation von Jugendlichen und Frauen im Vorstand) und Gespräch legen, denn „Wir müssen im Dialog bleiben!“. Es folgte eine Blitzvorstellungsrunde, in der jeder der Teilnehmenden ein kurzes Statement zu sich und seiner Verbindung zum Thema Islam und/oder Homosexualität geben konnte. Mit diesem ersten gewonnen Überblick ging es dann ein Stockwerk höher, wo die Gruppe dem abendlichen Gebet beiwohnen konnte – als praktizierender Muslim oder beobachtend im Hintergrund. Auch der Vorredner richtete sich vor versammelter Gemeinde nochmal mit einem Bekenntnis zu vielfältiger und bunter Gesellschaft, sowie zu Akzeptanz & Respekt für Minderheiten an die Anwesenden.

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Wieder zurück im Diskussionsforum schafften wir uns einen Eindruck davon, wie die Teilnehmer*innen Islamfeindlichkeit bzw. Homophobie in unserer Gesellschaft quantifizieren würden. Unser bewährter „Meinungsstrahl“, bei dem sich die Teilnehmenden irgendwo zwischen 0% und 100% Zustimmung zu einem Statement im Raum positionieren, ergab sowohl für die Aussage „Die Mehrheit der Nicht-Muslime in Deutschland ist islamfeindlich“, wie auch zu „Die Mehrheit der Muslime in Deutschland ist homophob“ eine breite Verteilung über die volle Skala aber mit Schwerpunkt unterhalb von 50% Zustimmung. Mit dem Input Einzelner, warum sie sich wo positioniert hätten ging es dann weiter mit einer Diskussionsrunde zum Thema des Abends. Hier wurde vor allem deutlich, dass es für homosexuelle Muslima & Muslime ein immenser innerer, wie auch äußerer Konflikt sei, ihren Glauben, sowie Gemeinde- & Familienzugehörigkeit mit ihrer sexuellen Orientierung und deren Ausleben zu vereinbaren. Ein Imam sagte, dass für ihn aus religiöser Sicht das Ausleben von Homosexualität eine Sünde sei, seine persönliche Sicht darauf aber auch nochmal davon zu differenzieren wäre. Ein anderer Teilnehmer sah im Zusammenhang mit dem Thema Homosexualität vor allem eine Gefahr darin, dass ja im Allgemeinen in unserer Gesellschaft die Stellung der Familie immer weiter geschwächt würde. Von Seiten der LGBTI-Vertreter*innen wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass Homosexualität keine Frage der freien Entscheidung ist, sondern etwas, womit man geboren wird und weder ansteckend noch „herbei erziehbar“ ist. Auf beiden Seiten bestand Einigkeit darüber, dass zum Thema Homosexualität in muslimischen Gemeinden großer Bedarf an Aufklärung besteht.

Ein weiterer kleiner Schritt auf diesem Weg war genau dieser Abend, an dem Berührungsängste, Vorurteile und Vorbehalte abgebaut, Wissen vermittelt und der Mut und die Anregung zu einem anderen Umgang auch in der Gemeindearbeit herübergebracht wurden. Bestätigung finden wir von Leadership Berlin darin, dass gleich die nächste Moscheegemeinde ihre Bereitschaft bekundet hat, eine LGBTI-Gruppe zu einem solchen Austausch zu empfangen. Einmal mehr Zeichen dafür, dass Schwule und Lesben durchaus in muslimischen Gotteshäusern willkommen sind und durch Besuche ein Beitrag zur Unaufgeregtheit und Normalität im Umgang mit dem Thema Homosexualität geleistet wird. Und auch im Hinblick auf Muslimfeindlichkeit ist dies ein Zeichen in Richtung LGBTI-Vertreter*innen wie auch in Richtung Mehrheitsgesellschaft, dass ein respektvoller Dialog mit Muslimen, Begegnungen oder auch Diskussionen möglich ist und dass das häufig in Medien bediente Zerrbild eines intoleranten, homophoben, extremistischen Islams nicht übereinstimmt mit der Realität.

Und noch zwei weitere Erfolge sehen wir. Erstens herrschte an dem Abend Übereinkunft darüber, dass sowohl LGBTI-Community wie auch Muslime & Muslima als Minderheit in unserer Gesellschaft diskriminiert werden. Daraus entsprang der Vorschlag, dass man sich als solche auch gemeinsam als Team gegen Diskriminierung einsetzen könne. Passend hierzu auch das Statement einer muslimischen Teilnehmerin, dass man nicht von „wir und ihr“, sondern nur noch von „wir“ sprechen sollte. Zweitens gibt es als Reaktion auf unsere Veranstaltung erste Bestrebungen auch einen umgekehrten Besuch von islamischen Vertreter*innen bei einer LGBTI-Institution zu realisieren.

Wir sind gespannt darauf, wo & wie es weitergeht und freuen uns auf die Fortführung unserer Veranstaltungsreihe! Weitere Infos zu den Gesprächen finden Sie auf der meet2respect Website hier.

Basis der Besuche in den Moscheegemeinden ist die „Grundsatzerklärung“ von muslimischen Organisationen und Vertreter*innen zum Thema Homosexualität, mit der sich Moscheegemeinden klar gegen Gewalt und Diskriminierung von Schwulen und Lesben aussprechen, siehe hier.

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